Therapeut*innen reichten Beschwerde gegen unethliche Veröffentlichung in DIE ZEIT ein
Drei unserer Kolleg*innen haben eine formelle Beschwerde bei Die Zeit eingereicht. Obwohl die Zeitung nicht darauf reagiert hat, sind seitdem keine weiteren Veröffentlichungen zum Thema „falsche Erinnerungen“ erschienen.
Ellert unterstützte die Bemühungen von Ingrid Autenrieth-Novak, Gernot Lauber und Dr. Dagmar Brunner bei der Erstellung der Beschwerde vollumfänglich. Nachfolgend finden Sie den formellen Beschwerdebrief. Wir danken Ingrid, Gernot und Dagmar herzlich für ihr Engagement – nicht nur im Namen ihrer Kolleginnen, sondern auch im Interesse der betroffenen Patientinnen.
Wir hoffen, dass dies daran erinnert, Journalist*innen weiterhin zur Verantwortung zu ziehen und sie zu korrigieren, wann immer sie ungenau oder unethisch berichten.
- Kirande Nijenhuis
Ich verwende ChatGPT um auf deutsch zu kommunizieren.
Die formelle Beschwerde von Ingrid Autenrieth-Novak, Gernot Lauber und Dr. Dagmar Brunner:
Sehr geehrte Damen und Herren,
wir wenden uns mit einer formellen Beschwerde in Bezug auf den Beitrag „Erinnerst Du dich? Gefangen in Scheinerinnerungen“ in Zeit Verbrechen, N˙35 2025 und ZEIT online vom 14.11.2025 in dem wir eine Reihe journalistisch und ethisch relevante Problempunkte sehen, die gegen die ethisch/moralischen Richtlinien des Journalismus und des Pressekodex verstoßen und eine eingehende Überprüfung erforderlich machen.
Eigentlich wäre es sehr zu begrüßen, wenn eine aus der „ZEIT Verlagsgruppe“ und aus der Muttermarke der Wochenzeitung DIE ZEIT entstandenes Spezialformat ZEIT Verbrechen und ZEIT ONLINE diskutieren, wie Therapeuten und Patienten am besten mit berichteten Erinnerungen traumatisierender Ereignisse umgehen.
Man würde annehmen, dass sie sich ebenso wie die Wochenzeitung DIE ZEIT seriös den ethisch/moralischen Richtlinien des Journalismus verpflichten, zu denen Wahrhaftigkeit und Genauigkeit, Sorgfaltspflicht sowie Sachlichkeit (objektiv + ausgewogen) gehören.
Doch dieser Artikel verletzt diese journalistischen Grundsätze. Es ist eher ein nicht deklarierter Meinungsartikel, denn eine Berichterstattung und ist in Fotos und Text fast reißerisch dargestellt. Schon auf der Titelseite wird suggeriert, was Therapeut*innen und besonders Traumatherapeut*innen wohl sind.
Ein Kritikpunkt des Artikels ist, dass Therapeut*innen zum Nachteil von Patient*innen suggestiv sind. Doch hier sind die Journalist*innen selbst außerordentlich suggestiv. Welche empirischen Fakten unterstützen ihre Behauptungen? Wie kann man a priori wissen, dass eine berichtete Erinnerung eine falsche Erinnerung ist? Welche Evidenz gibt es dafür, dass Traumatherapeut*innen unangemessen suggestiv sind?
„Therapeutinnen sollten den ersten Bericht von Klientinnen über nicht verifizierten Missbrauch weder unkritisch als Tatsache akzeptieren noch vorschnell zurückweisen. Eine strikt neutrale Haltung kann jedoch dazu führen, dass es an therapeutischer Aufrichtigkeit und Transparenz mangelt, Realitätsprüfung nicht ausreichend gefördert wird und der notwendige Schritt unterbleibt, Zeugnis über die Viktimisierung der Klientinnen abzulegen. (…) die sorgfältige Entwicklung und Mitteilung der reflektierten Überzeugung der behandelnden Therapeutinnen bezüglich der (Un-)Gültigkeit der traumatischen Erfahrungen kann Klientinnen dabei unterstützen, (a) ein integriertes persönliches Narrativ sowie Identität wiederzuerlangen, (b) kognitive Verzerrungen zu korrigieren oder (c) beides.“
Aus: van der Hart, O., & Nijenhuis, E. R. S. (1999). Bearing witness to uncorroborated trauma: The clinician's development of reflective belief. Professional Psychology: Research and Practice, 30(1), 37–44. https://doi.org/10.1037/0735-7028.30.1.37
Der entscheidende Punkt ist, dass es keine belastbaren empirischen Belege dafür gibt, dass Therapeut*innen darin ausgebildet werden, reflexartig traumatischen Erinnerungen zu glauben. Und daraus folgt, dass die Behauptung von Journalist*innen und anderen, Therapeut*innen würden darin geschult, unkritisch und suggestiv zu agieren, auf keinerlei fundierter Grundlage beruht. Damit begehen sie genau den Fehler, den sie Therapeut*innen vorwerfen.
Haben sie in diesem Sinn keine Verantwortung über mögliche negative Auswirkungen auf Patient*innen, die schwerste Gewalt erlebt haben und mehr befürchten müssen, dass man ihnen nicht glaubt, ihnen (a priori) falsche Erinnerungen/Scheinerinnerungen unterstellt werden?
Trotz vieler problematischer und fehlerhafter Äußerungen haben wir uns entschieden, nur auf wenige besonders kritische Punkte tiefer einzugehen. Hier sind Einseitigkeit, fehlende Genauigkeit, Sachlichkeit und Sorgfaltspflicht besonders gravierend. Es ist nicht so, dass einzelne Therapeut*innen und Patient*innen im Fokus des Artikels sind (möglicherweise eine zutreffende Kritik), sondern es werden generelle Aussagen getroffen. (Trauma)Therapeut*innen, einzelne Einrichtungen und Verbände handeln schädlich und Patient*innen, die von schwerster Gewalt berichten, wurden suggestiv beeinflusst, sie schauspielern oder sie lügen und bekommen eine Diagnose, die es angeblich nicht gibt. Um dies zu unterstreichen werden ausschließlich schon bekannte Kritiker*innen (F. Urbaniok, S. Niehaus) von dissoziativen Störungen zitiert – die allerdings nicht Fachleute im Bereich der Traumafolgestörungen sind. Ausgewiesene Experten, wie etwa W.Voigt oder E. Nijenhuis, die im Übrigen auch im Film von Liz Wieskerstrauch zu sehen sind, werden weder erwähnt, geschweige denn befragt.
Die Diagnose Dissoziative Identitätsstörung (DIS) wird von dem forensischen Psychiater Frank Urbaniok, dem ein prominenter Platz im Artikel eingeräumt wird, als „eine Kopfgeburt der Psychiatrie“ bezeichnet. Er habe in all den Jahren seiner Tätigkeit – als Gutachter von Sexualstraftätern – nicht eine DIS zu sehen bekommen.
Das Phänomen, dass man nicht sieht bzw. erkennt, was man nicht kennt oder erkennen will – weil dies Konsequenzen hätte –, ist nicht nur in der Psychologie ein Problem, sondern man fand und findet es überall auf der Welt.
Es stellt sich auch die Frage, ob Kenntnisse auf Meinungen (Urbaniok, Niehaus im Artikel) oder auf wissenschaftliche Standards (im Folgenden aufgeführt) gründen sollen:
Die Diagnose DIS wurde seit 1980 im DSM-III, dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders und 1990 im International Classification of Diseases (ICD-10) der WHO aufgenommen und in den jeweiligen Neuauflagen DSM-V und ICD-11 weiter angepasst. Die Kapitel, etwa des ICD werden von WHO-Expert*innenkommissionen mit einer wissenschaftlichen und klinischen Expertise auf hohem Niveau erstellt, durchlaufen einen Review-Prozess von weltweiten Fachgesellschaften und werden schließlich von der WHO autorisiert. Ist das seriös genug?
Menschen nehmen wahr, dass sich ihr „Ich“ im Laufe des Lebens und auch in verschiedenen Situationen verändert. Insbesondere bedeutsame Lebensereignisse machen bewusster, dass das „Ich“ davor anders ist als das „Ich“ danach (z.B. „…ich will wieder so werden, wie ich war“, „…so bin ich eigentlich nicht“, …). Man könnte es auch so beschreiben, dass das „ich“ ein fragiles Ergebnis ständiger Handlungen ist.
Manche Menschen haben die Fähigkeit ihr „Ich“ zu teilen um ein für sie ansonsten nicht lebbares, unmögliches Leben zu leben – etwa, weil schädigende Lebensereignisse (wie emotionale Vernachlässigung, Missbrauch und Gewalt, körperliche Vernachlässigung und Gewalt und/oder sexuelle Gewalt) oder äußere Einwirkungen (wie z.B. Unfälle, Naturkatastrophen,….)übermächtig sind, man zu klein und abhängig ist von denen die das tun, niemand hilft und die Fähigkeiten um damit anders umzugehen nicht groß genug sind. Dann gibt es in der einfachsten Aufteilung ein „ich“, dass das normale Leben lebt und ein „ich“, dass verbunden ist mit dem Schweren, zu der Zeit nicht integrierbarem. In der ausgeprägtesten Form ist es die Dissoziative Identitätsstörung (dies ist eine stark vereinfachte Beschreibung, genauer nachzulesen z.B. in: Nijenhuis, E.R.S. (2018). Die Trauma-Trinität: Ignoranz – Fragilität – Kontrolle. Band III).
Diese Aufteilung des „ichs“ in verschiedene dissoziative Anteile ist für viele nicht vorstellbar, wird immer wieder ignoriert, abgestritten oder geleugnet, obwohl es inzwischen, wenn man den Phänomenen nicht glauben mag, eine Reihe von expliziten Nachweisen auf Struktur- und Funktionsebene des Gehirns oder auch auf psychophysiologischer Ebene gibt. Es sind Studien und Meta-Analysen (s.u., eine Auswahl) die nachweisen, dass DIS eine genuine Störung ist und sie widerlegen das sogenannte „soziokognitiven Modell“. Im SKM wird behauptet, dass DIS nicht existiert, die Patient*innen fantasiebegabt sind, schauspielern oder suggestiv beeinflusst wurden (wie im Artikel). Wieder die Frage – werden Kenntnisse aus wissenschaftlichen Studien gezogen, oder werden sie weiterhin abgestritten, ignoriert und attackiert, weil sie widersprüchlich zu den vorherigen Annahmen sind und es eine schwere Handlung ist, sich das einzugestehen?
Blihar, D. et al. (2021) A meta-analysis of hippocampal and amygdala volumes in patients diagnosed with dissociative identity, European Journal of Trauma & Dissociation, 22(5) – Meta-Analyse mit neuroanatomischer Evidenz für die Existenz von DID (Dissociative Identity Disorder) als genuine Störung.
Nijenhuis, E.R.S., & Den Boer, J.A. (2009) „Psychobiology of Traumatisation and Trauma-related Structural Dissociatio of the Personality“. In Dell, P.F.& O’Neill, J.A. (Eds.), Dissociation and the Dissociative Disorders: DSM-V and beyond (pp 337-367). New York: Routledge
Reinders et al., (2012) Fact or Factitious? A Psychobiological Study of Authentic and Simulated Dissociative Identity State, PLoS ONE, 7(6), e39279 –
DID-Patient*innen vs Kontrollgruppe vs trainierte Schauspieler*innen, die DID simulieren: signifikant unterschiedliche Muster regionaler zerebraler Durchblutung (rCBF) sowie autonomer Reaktionen (z.B. Herzrate), zwischen den Gruppen, die das sogenannte „soziokognitive Modell“ (fantasy, role-play, suggestion) widerlegt und das Traumamodell unterstützt.
Dazu auch:
Vissia, E. M. et al. (2016). Is it trauma- or fantasy-based? Comparing dissociative identity disorder, post-traumatic stress disorder, simulators, and controls. Acta Psychiatrica Scandinavica, 134, 111-128.
Nijenhuis, E.R.S., & Reinders, A.A.T.S. (2012). Fantasy proneness in dissociative identity disorder. PLoS ONE 7(6), e39279. Supporting information S1.
Reinders, A.A.T.S. (2014, March). Neurostructural correlates of trauma and dissociation: A magnetic resonance imaging study in PTSD and DID. In Trauma, dissociation, and attachment in the 21st Century: Where are we heading? Fourth Bi-annual International Conference of the European Society for Trauma and Dissociation, Copenhagen. (it’s better to reference the published studies, don’t you think?)
Und es gibt die Frage, wie mit Erinnerungen von Gewalt in Therapien umgehen, die, wenn sie berichtet werden, teilweise schon Jahrzehnte her sind? Erinnerungen von Gewalterfahrungen werden im Übrigen nicht „vergessen“, sondern „posttraumatisch vermieden“. „Mnestic Block Syndrome“ ist die aktive, jedoch nicht reflektiert bewusste Vermeidung traumatischer Erinnerungen (z.B. Markowitsch, H.J., & Staniloiu, A. (2025). Dissociative amnesia–A valid construct for repressed memories. Legal and Criminological Psychology, 30, 5-21).
Es benötigt sehr gut ausgebildete Therapeut*innen, die sich ihrer Verantwortung kritisch zu glauben und empathisch zu zweifeln bewusst und in der Lage sind, diese schwer erkrankten Patient*innen im Therapieprozess leitliniengerecht zu diagnostizieren und sie therapeutisch in Richtung Heilung zu begleiten.
Das es Therapeuten gibt, die diese Qualitätskriterien nicht genug erfüllen und sich nicht gut genug auskennen ist uns bewusst. Der Artikel macht deutlich, dass es Behandler*innen gibt, die von vornherein davon ausgehen, dass traumatische Erinnerungen von Personen mit einer dissoziativen Störung falsch sind und/oder dass dissoziative (Identitäts-)Störungen nicht existieren.
Dennoch kann man aus – einzelnen – fehlerhaften Behandlungen nicht rückschließen
1., dass es die Störung nicht gibt und
2., dass es keine Behandlungen gibt, die diese Kriterien erfüllen.
„Man kann sich jetzt nicht einmal mehr auf DIE ZEIT und deren „Ableger“ als Qualitätsmedien verlassen – sie springen auf denselben Zug auf und berichten in der gleichen einseitigen und sensationsheischenden Art wie andere zuvor“ – war ein äußerst enttäuschendes Fazit nach dem Artikel.
Wir erwarten, dass Sie wieder zu einer ausgewogenen und fachlich vernünftig recherchierten Berichterstattung zurückkehren und als Herausgeber*innen und Chefredakteur*innen Ihrer Pflicht nachkommen, dass ethisch/moralische Richtlinien des Journalismus eingehalten werden – zumal eine Fortsetzung der „Serie“ in ZEIT Verbrechen angekündigt wurde.
Wir ersuchen Sie höflich um schriftliche Rückmeldung innerhalb von 14 Tagen bezüglich der weiteren redaktionellen Einschätzung und ggf. beabsichtigter Maßnahmen.
Für Rückfragen stehen wir jederzeit zur Verfügung.
Mit verbindlichen Grüßen
Ingrid Autenrieth-Novak - Psychologische Psychotherapeutin
Gernot Lauber - Psychologischer Psychotherapeut
Dr. Dagmar Brunner - FÄ für Psychiatrie